Bundeszuwanderungs- und Integrationsrat (BZI)

Rassismus in der Corona-Krise

Ob wir nun noch in der ersten oder vielleicht auch schon in der zweiten Welle der Corona-Pandemie stecken – unsere Welt und die Themen, über die wir sprechen, haben sich mit dem Ausbruch der Pandemie schlagartig verändert. Prof. h.c. Dr.-Ing. Hussein Jinah, Vorstandsmitglied des Bundeszuwanderungs- und Integrationsrates (BZI), hat einen Beitrag dazu verfasst, wie sich der Rassismus in Deutschland unter dem Deckmantel des Virus gewandelt hat.

Mit der weltweiten Verbreitung der Lungenkrankheit Covid-19 häufen sich, weltweit und auch in der Bundesrepublik, rassistische und diskriminierende Äußerungen, Angriffe und Übergriffe auf Personen, die meist asiatisch gelesen werden. Neben überwiegend asiatisch gelesenen Menschen, sind aber auch People of Color und vor allem Geflüchtete davon stark betroffen. Rassismus, egal in welcher Form, sei es strukturell, institutionell oder Alltagsrassismus, muss jederzeit entgegengetreten werden, auch in Zeiten gesellschaftlicher Krisen wie der Corona-Pandemie.

Sowohl medialen Berichten nach als auch aus eigener Erfahrung in Dresden teilt Prof. h.c. Dr.-Ing. Hussein Jinah folgendes mit:

Seit der Ausbreitung des Corona Virus, gibt es weltweit und in Deutschland Fälle von rassistischen Beleidigungen (Diskriminierung in der Öffentlichkeit, am Arbeitsplatz, in Einkaufseinrichtungen,…) und Angriffen gegenüber Menschen, denen ganz allgemein eine asiatische, nichtweiße, islamische Herkunft oder ein Fluchthintergrund unterstellt wird. Zahlreiche Betroffene haben ihre Erfahrungen inzwischen öffentlich gemacht und überwiegend über soziale Medien wie Facebook, Twitter und Instagram unter dem Hashtag #IchbinkeinVirus geteilt.

Sang-Min Do teilte auf Instagram, dass er und seine Freunde in Hamburg rassistisch beleidigt und ihnen die Worte „Corona, Corona“ zugerufen wurden. In München wurde eine 45-jährige Frau mit Migrationshintergrund vor ihrer Wohnungstür mit Desinfektionsmittel angegriffen, der Angreifer drohte zudem, er wolle ihr den Kopf abschneiden.

Andere Reaktionen sind zwar subtiler aber ebenso diskriminierend: Der TagesspiegelAutor Marvin Ku berichtete im Februar 2020 via Instagram über rassistische Beleidigungen. In seiner Recherche mittels des Versuches eines Gespräches mit den Mitarbeitenden des Berliner Zoos, hatten diese Vorbehalte, sich mit ihm zu unterhalten, offenbar aus Angst vor dem Corona-Virus: „Weil ich eben chinesisch aussehe, galt ich für die beiden als Risiko.“ Krisenzeiten wie die Corona VirusPandemie führen dazu, dass marginalisierte Gruppen noch stärker ausgegrenzt und entmenschlicht werden.

Dem MDR zufolge verweigerte im Februar 2020 die Musikhochschule Hanns Eisler in Berlin dem 26-jährigen Juntao Ye (VR China) und anderen ChinesInnen zunächst die Aufnahmeprüfung, weil man den restlichen BewerberInnen die Möglichkeit geben wolle, „an den Zugangsprüfungen ohne Angst vor Ansteckung teilzunehmen“. In Essen lehnte eine Arztpraxis die Behandlung einer Patientin chinesischer Herkunft mit Erkältungssymptomen ab. Das Verhalten der Musikhochschule und der Arztpraxis ist
als rassistisch zu bewerten, da sie Chinesinnen aufgrund ihres Aussehens und ihrer vermeintlichen Herkunft per se unterstellen, krank zu sein. Ob die Studierenden oder die Patientin in den letzten Monaten tatsächlich in Risikogebieten waren, interessierte bei diesen Vorfällen nicht.

In solchen Ausnahmesituationen könne man in der Gesellschaft oft zwei Aspekte beobachten: „Entweder verhalten sich Menschen so, als gäbe es die CoronaPandemie nicht oder sie suchen eine Personifizierung der Gefahr“. Asiatinnen würden in der Folge für die Krise verantwortlich gemacht, es könne aber auch andere marginalisierte Gruppen wie Geflüchtete, Menschen mit Migrationshintergrund oder People of Color treffen.

Abgesehen von den dauerhaften rassistischen Äußerungen der Bild-Zeitung zeigte auch Der Spiegel auf dem Titelbild im Februar 2020 eine Person in roter Schutzkleidung, komplett vermummt mit Atemmaske und Schutzbrille, mit dem Titel: „Corona-Virus. Made in China. Wenn die Globalisierung zur tödlichen Gefahr wird“. „Made in China“ suggeriert, dass das Virus in China „hergestellt“ und „exportiert“ wurde. Eine Argumentation, die sich auch in kolonial-rassistischen Verschwörungstheorien wiederfindet.

Die Corona-Pandemie fördert nicht nur Diskriminierung und altbekannte rassistische Stereotype, sondern sorgt auch für die Einschränkung der Menschenrechte in anderen Bereichen, zum Beispiel beim Asylrecht oder dem Recht auf Gesundheit.

Es ist besonders schmerzvoll, wenn wir als bedrohliche Fremde behandelt werden. Damit sind vor allem auch der Rassismus und das Weggucken bei Autoritätspersonen wie Politikerinnen, aber auch Lehrerkräften, Fachleuten und anderen Verantwortlichen
gemeint. All diese Personen müssen jetzt klar Stellung beziehen, Rassismus zurückweisen und deutlich zeigen, dass so etwas nicht sein darf.

Irgendwann merkte ich, dass dies keine Nachricht wie alle anderen war

Als ich vom Ausbruch des Virus hörte, war es für mich zunächst eine Nachricht wie alle anderen. Ich dachte an die armen Menschen. Irgendwann spürte ich aber erste Konfrontationen: von Einheimischen,
die sich in der Fußgängerzone oder in Öffentlichen Verkehrsmitteln von asiatischen oder nicht-weißen Personen wegdrehten, misstrauisch ihren Schal oder Kragen ins Gesicht zogen, um nicht angesteckt zu werden. Plötzlich meldete sich ein Gefühl, das sonst ganz tief in mir vergraben ist: Angst.

Die Angst, dass Menschen Dinge in mich hineinprojizieren. Herabwertende Kommentare zu hören und von offener Diskriminierung zu lesen, reißt alte Wunden auf. Viele Menschen können sich wahrscheinlich nicht vorstellen, wie es sich anfühlt, in einer Gesellschaft zu leben, in der man immer wieder daran erinnert wird, vermeintlich anders zu sein.

Seit Corona merke ich verstärkt, die Alltagsrassismen und Vorurteile sind immer noch da und zu einem großen Teil noch feindseliger, als ich dachte. Die mediale Berichterstattung zum Corona Virus leistet ihren Beitrag dazu, Angst und rassistische Vorbehalte zu schüren.

Warum muss ich mich angesprochen fühlen, wenn an einem sehr entfernten Ort ein Virus ausbricht? Was hat das mit mir zu tun? Doch anstatt in einer solchen Krise Mitgefühl zu zeigen und Zusammenhalt zu stärken, lassen sich Menschen von irrationalen Ängsten leiten, grenzen Menschen aufgrund von Hautfarbe und Nationalität aus.

Deutschland ist mein Heimatland und wird es immer bleiben. Doch in Krisenzeiten wie diesen merke ich, dass sich diese Heimat jederzeit gegen mich wenden kann.

Es ist dann die eigene Ohnmacht, die mich am meisten trifft. Nicht zu wissen, wie ich agieren und reagieren soll. Wie soll ich mit diesen ambivalenten Gefühlen leben? Kann ich mich in diesem Land wohlfühlen? Kann ich hier glücklich sein oder werden?“

Ich gehöre doch hierher – wohin auch sonst!